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Helene Fischer vereint Fans aller Lager

Es herrscht allerdings Ratlosigkeit ob der Beliebtheit bei Beobachtern

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Man muss jetzt langsam wirklich der Gefahr ins Auge blicken. Nach all den Jahren, in denen die Welt übersichtlich war und die Fronten geklärt waren. All den Jahren, in denen einwandfrei geklärt war, dass „Musikantenstadl“, „Frühlingsfest der Volksmusik“ und „Willkommen bei Carmen Nebel“ kaum weniger als die musikunterhalterische Achse des Bösen sind und man sich als postmoderner Bildungsbürger dem Genre Schlager allerhöchstens im Schutze der Ironie annähern darf – nach all den Jahren also lässt sich derzeit eine beunruhigende Entwicklung beobachten: Es könnte sein, dass Schlager cool wird.

Die Anzeichen werden deutlicher. Immer öfter bekennen sich Menschen, die man gemeinhin zum geschmackbegabten Teil der Bevölkerung gezählt hat, und sogar den Trends bekanntlich immer vorauseilende Modebloggerinnen outen sich als Fans.

Ja, Moment, mag mancher enthemmt aufkreischen. Muss man das so hinnehmen? Kann das niemand verhindern? Wäre es nicht die Pflicht der deutschsprachigen Feuilletons und aller ehrbaren Kulturjournalisten, sich diesem Übergriff unter Einsatz ihres Leben oder zumindest ihrer Ohren entgegenzustellen?

Artikel mit Fragezeichen

Nun, das ist so ein bisschen das Problem. Denn im Mittelpunkt dieser Entwicklung steht eine Frau, und ihr Name ist Helene Fischer. Und auf diese Helene Fischer können sich eben nicht nur die üblichen dumpfbunten Gazetten einigen, sondern auch die seriösen Medien Deutschlands, wo die Sängerin eine beispiellose Karriere hingelegt hat. „Die Zeit“ kam an dem Phänomen genauso wenig vorbei wie die „Süddeutsche“, wenn auch beide ihren Artikeln ratlose Fragezeichen beimischten. Helene Fischer also. Das ist jene Frau, von der letztens zu lesen war, dass eine „Playboy“-Umfrage ergeben habe, sie sei für den Großteil der deutschen Männer die ideale Frau. Das ist Mireille Mathieu zum Beispiel nie passiert.

Ideal, so beschreibt man Helene Fischer am zweithäufigsten. Am allerhäufigsten aber fällt das Wort „perfekt“. Sie sieht perfekt aus, sie singt perfekt, sie tanzt perfekt, sie macht perfekte Bühnenshows, ihre Haare sitzen perfekt, ihre Zähne sind perfekt weiß. Das macht Helene Fischer auch so schwer greifbar und die meisten Artikel, die erklären wollen, warum sie so unglaublich erfolgreich ist, rutschen kläglich an der so glatten Oberfläche – das nennt man in der Schlagerbranche dann „Natürlichkeit“ – ab. Der Erfolg lässt sich zumindest beziffern: Ihr letztes Album verkaufte sich über eine Million Mal, zu ihren Konzerten kamen hunderttausende Menschen, für die zwei in der Wiener Stadthalle im Oktober (!) gibt es nur mehr Restkarten, ihre eigene TV-Show im Dezember sahen Millionen, ihr neues Album „Farbenspiel“ steht bereits an der Spitze der (genre-gemischten) iTunes-Charts.

„Millionen Matschbirnen“

Es musste die Satire her, damit man dem Überwesen Helene Fischer etwas näherrückt: Die Kolumne „Wahrheit“ der „TAZ“ widmete kürzlich der Entertainerin einen Tobsuchtsanfall. Da war die Rede von „fünf Millionen Matschbirnen“, die sich die „Helene Fischer Show“ angesehen haben, weiters wurde die Wirkung der Sendung anschaulich beschrieben: „Bereits ihre Ansagen sind so banal, dass man vor Langeweile mit dem Kopf auf die Tischplatte knallen und in tausendjährigen Tiefschlaf verfallen will.“

Hardcore-Fans, nicht nur im Schlagerbereich jene Gruppe, die am wenigsten Spaß versteht, waren empört. Ganz unrecht hatte der Artikel bei aller satirischer Überhöhung freilich nicht. Wer gesehen hat, wie Helene Fischer und Markus Lanz einander im Herbst des vergangenen Jahres auf der „Wetten dass“-Couch in verbaler Unspritzigkeit phänomenal überboten, versteht die verzweifelte Ratlosigkeit ob der Beliebtheit dieser Frau. Die „Wahrheit“ brachte wohl zumindest eins auf den Punkt, wenn auch in harschen Worten: Fischer sei „je nach Geschlecht ein Role Model für frustrierte Frauen oder fleischgewordene Spießerfantasie notgeiler Säcke“.

Fleiß für die Fans

Eh. Das ist aber auch mitnichten etwas Neues. Das hat Helene Fischer weder erfunden noch sonderlich weiterentwickelt. Oder anders gesagt: Scharf aussehen im hautengen Bühnenoverall mit ganz viel Glitter können viele – angefangen bei Liberace.

Vielleicht hilft die Biografie bei der Ursachenforschung? Helene Fischer wurde 1984 in Krasnojarsk, Sibirien geboren. Als sie vier Jahre alt war, zog die Familie nach Rheinland-Pfalz. Sie absolvierte eine Musical-Ausbildung und veröffentlichte 2006 ihr erstes Album. Bereits damals arbeitete sie mit dem Produzenten mit dem klingenden Namen Jean Frankfurter zusammen, der auch heute noch für ihre Lieder verantwortlich zeichnet.

Fünf Alben sollten fast im Jahrestakt folgen. So eine Produktivität hilft natürlich außerordentlich bei der Fanbindung – aber solcher Fleiß ist im Schlagergeschäft nicht unüblich. Der bösartigste Grund für die schnelle Produktion von Schlageralben sei hier hintangehalten. Siehe Hardcore-Fans.

Für die Vergrößerung der Fanbasis schadet außerdem nicht, wenn man eine Rolle beim TV-Hauptabend-Tanker „Das Traumschiff“ übernimmt. Und schließlich, der Erfolgsfaktor „Heiratsmarkt Schlagerwelt“. Helene Fischers Lebensgefährte heißt Florian Silbereisen.

So, jetzt muss man den wieder erklären natürlich: Silbereisen ist ein Star der volkstümlichen Musik und Moderator der TV-Sendungen „Fest der Volksmusik“. Silbereisen und Fischer sind also übersetzt so etwas wie die Anna Netrebko und der Erwin Schrott (also bis vor kurzem) oder der Kanye West und die Kim Kardashian der Volksmusik. Wer das „Große Fest der Besten“ am vergangenen Samstag auf ORF gesehen hat, wurde Zeuge, als er sie darüber interviewte, mit welchen Gerüchten in der Yellow Press die beiden zu kämpfen haben. Es war der gequälteste Versuch von Selbstironie in der jüngeren Geschichte des Farbfernsehens.

Unerbittliche Melodien

Beredter sind die Texte ihrer Lieder. Obwohl – auch nicht. Aber immerhin kommen da Sprachgemmen zum Vorschein, die sich wirklich ausschließlich Schlagerlyriker einfallen lassen können. Wie zum Beispiel „Farbenspiel im Sternenschein“. Die Melodien dieser Lieder sind unerbittlich. Einmal gehört, nie mehr vergessen. Selbst wenn man nur eine Christbaumkugel sieht, die so rot glitzert wie der Anzug, in dem Helene Fischer ihren aktuellen Hit „Atemlos durch die Nacht“ singt, sieht, wird man unweigerlich diesen Song summen müssen. Die Gehirnzellen werden gnadenlos fischerisiert. So etwas Brutales hätte sich nicht einmal Anthony Burgess einfallen lassen.

Harmloser ist das Zuschauen: Eingedenk ihrer Musicalausbildung hat Fischer immer einen Pulk professioneller Tänzer um sich. Bei ihren Konzerten gibt es dann noch allerlei Zirkusnummer-Effekte wie Trapez, Feuerwerk und Windmaschine. Britney Spears in Las Vegas würde vor Neid erbleichen. Auf Fischers Setliste stehen dann nicht nur ihre eigenen Lieder, sondern auch Perlen aus dem Werkverzeichnis von Robbie Williams oder Bon Jovi.

Alles in allem also eine fruchtvolle Verbrüderung von zwei verkaufsstarken Seiten der Unterhaltung – formal und inhaltlich. Da die üppige Popwelt, dort der romantische Schlager. Auch keine neue Erfindung, aber von Helene Fischer mit Maximaleffekt – und Lurex – durchgezogen. Ist das schlecht? Wenn das so vielen gefällt, ist dann die Ära der „Matschbirnen“ angebrochen? Heißt das vielleicht gar – oh je, da glitzert was Rotes!

Von Christina Böck
Quelle: wienerzeitung.at

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